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Interview von Barney Ashton (Oktober 2005)

Du warst so ein untypisches Kind, du hättest ein Außenseiter werden können. Du wurdest Mitglied einer Band und warst dort der Außenseiter. Du hast eine Solokarriere begonnen und es dauerte nicht lange, bis diese keine Aussicht mehr auf Erfolg hatte. Abermals warst du ein Außenseiter in der Musikbranche und standest als Künstler in der Wildnis. Auf jeden Fall - um dich zu zitieren - bis zum 80er Revival Mitte der 90er Jahre als das Telefon aufgehört hatte, für Limahl zu klingeln und du dich als Produzent versucht hast. Du hattest durch die Jahre hindurch deine Chancen, dich im Musikgeschäft und dem allgemeinen Bewusstsein zu etablieren. Wie bist du damit fertig geworden, ein Außenseiter zu sein?

Sind wir nicht alle Außenseiter? Ich meine, du hörst mit zunehmendem Alter mehr und mehr Geschichten über Familien, die über einige dumme Sachen streiten. Du wirst alleine geboren und stirbst allein. Du schlängelst dich durchs Leben auf diesem mutigen Weg und weißt nie, wohin es dich bringt. Du versuchst es zu lenken und denkst, du hast es irgendwie unter Kontrolle. Ich fühle mich nicht als Außenseiter. In einer Stadt wie London ist es als Einzelgänger viel einfacher. Du kennst deine Nachbarn nicht und sprichst mit niemandem in der U-Bahn, denn wir haben alle irgendwie Angst, dass jemand ein Messer, eine Pistole oder was auch immer ziehen könnte. Und wir sind alle mit unserer eigenen Reise beschäftigt. Ich glaube nicht, dass ich wirklich anders als die anderen bin. Als Künstler betrachte ich mich eher als Überlebender, denn als das Telefon aufhörte, zu klingeln, musste ich einfach damit klar kommen. Oh Gott, ich habe Leute mit einem Haufen Geld und Erfolg gesehen, die trotz ihres materiellen Wohlstands nicht wirklich glücklich waren. Aber das ist doch alles nur ein Chliché, nicht wahr......Geld macht nicht glücklich, es beruhigt dich nur ein bisschen, während du leidest, ha ha!! Ich war jedenfalls sozusagen mittendrin und es hat eine Zeit lang Spaß gemacht. In Wirklichkeit gibt es nur wenige Künstler, die so eine Karriere wie Madonna oder Elton John hinlegen. Die beiden bilden da eher eine Ausnahme. Ich hatte zwei Nummer 1 Hits, die weltweit erfolgreich waren, deshalb denke ich, habe ich einen kleinen, aber doch wichtigen Beitrag geleistet. Macht mich das zum Außenseiter? Ich glaube, eher nicht. Ich dürfte eigentlich meinen entsprechenden Platz in den Pop Archiven erlangt haben, neben anderen respektablen und immer noch hart arbeitenden Musikern/Künstlern!! Man begrüßt mich an den meisten Plätzen, wo ich auftrete, jedenfalls gewöhnlich mit großer Warmherzigkeit und das gibt mir das Gefühl, dass ich noch gebraucht und respektiert werde. Außerdem lass uns mal abwarten, wo einige neue Künstler von heute in 20 Jahren stehen werden? Klinge ich irgendwie defensiv? Ha ha!! Ich bin eigentlich damit gut zurecht gekommen, wenn man mal alles betrachtet......ich habe einige Leute und Freunde sterben gesehen, weil sie auf zu viele Partys gegangen sind, Drogen nahmen, HIV & AIDS hatten oder nach einem Nervenzusammenbrauch, Eheproblemen, Gefängnisstrafen usw. komplett zusammengebrochen sind. Und hier bin ich, am leben, ganz glücklich und mache noch immer das, was mir Spaß macht und verdiene damit sogar noch gutes Geld, wenn ich das mal so sagen darf. Und zu alldem befinde ich mich seit beinahe dreizehn Jahren in der schönsten Beziehung, die, wie ich glaube, alles beeinflusst hat. Sie gibt mir Halt und aus ihr schöpfe ich meine Ideen. Das Leben ist zum Teilen da und ich habe das verdammte Glück, jemanden gefunden zu haben, der die Reise mit mir teilt. Ich bin allerdings ein frecher Hund. Als ich meinen Partner zum ersten Mal in einem Nachtclub ansprach, gab er mir höflich einen Korb. Aber von so einer kleinen Sache wie "nein danke" hab ich mich nicht entmutigen lassen......und hier stehen wir jetzt, dreizehn sagenhafte Jahre später !!

Glaubst du, dass der Drang ein Künstler zu sein und weiterhin auftreten zu wollen, etwas damit zu tun hat, unbedingt kommunizieren zu wollen?

Nein, das denke ich nicht. Ich genieße es, aufzutreten, ich tue es immer noch. Ich mag es, wenn die Voraussetzungen stimmen. Mir gefällt der Gedanke, dass ich damit aufhören könnte, falls es mich langweilen würde. Ich brauche Geld, um zu leben, wie jeder andere. Ich muss arbeiten und mit 30+ - im übrigen ist 30 plus ab jetzt mein offizielles Alter - ist es genau das, was ich mein ganzes Leben getan habe. Ich liebe es. Es sind gewisse Dinge in Vorbereitung, die meine anfängliche Liebe für das Theater ganz und gar wiederaufleben lassen und das ist wichtig. Wenn du tagein tagaus auftrittst und immer den gleichen alten Mist machst, dann ist es vorherbestimmt, dass es dich irgendwann langweilt. Ich denke, bis jetzt habe ich immer interessante Dinge getan. Eines Tages starte ich vielleicht meine eigene gemütliche, kleine Veranstaltungsstätte und trete dort möglicherweise gelegentlich auf. Aber bis dahin liebt der Schütze in mir das Herumreisen und ich muss dorthin gehen, wo mich mein Sternzeichen hinführt!!

Wenn ich des Teufels Advokat spielen müsste und du würdest zu mir in eine dieser Talentshows kommen, wie "Pop Idol", "Fame Academy" oder einer dieser heutigen ähnlichen grauenhaften aus "Search for a Star" entstandenen Formatsendungen, und ich würde mich zu dir umdrehen und dich fragen, "was hast du zu sagen, was andere Leute nicht besser sagen könnten" oder "ist dein künstlerisches Schaffen von Bedeutung"?

Es ist für einige Leute für eine bestimmten Zeit von Bedeutung. Das hängt davon ab, wo sie sich in ihrem eigenen Leben befinden. Großer Gott, wenn wir alle das gleiche mögen würden, wäre das doch sehr langweilig. Unterschiedliche Geschmäcker beleben die Welt. Ich habe heute Radio gehört und auf Radio 2 gab es dieses Pop Quiz in der Ken Bruce Show namens Pop Master. Manchmal schneide ich dort ganz gut ab und manchmal nicht. Man kann ein digitales Radio gewinnen, aber man muss drei Top Ten Hits eines bestimmten Künstlers in zehn Sekunden nennen und letzte Woche hatte ein Typ nicht einmal eine Antwort richtig, als es um The Three Degrees ging. Ich hätte in fünf Sekunden vier Antworten parat gehabt, "Dirty Old Man", "My Simple Heart", "When Will I See You Again", "Year Of Decision" und einige mehr. Und heute war dort ein Künstler, von dem ich noch nie gehört habe. Um was es mir geht, ist, wie faszinierend es ist, wie Menschen sich für unterschiedliche Musikstile begeistern können. Mein musikalisches Schaffen bedeutet einigen Menschen etwas, anderen dagegen nicht ... die Geschmäcker sind eben verschieden. Was ich damit sagen möchte ist, dass meine eigene Auslegung über was auch immer ich rüberzubringen versuche, einige Menschen hoffentlich als wohlwollend aufnehmen. Es hat nichts damit zu tun, wer besser ist, sondern es ist sehr subjektiv und hat mit dem jeweiligen Geschmack zu tun.

Was mich an der Pop Musik interessiert, ist die Tatsache, dass anfangs die meisten Kids, die in dieses Geschäft einsteigen, vermarktet werden, recht ordentlich singen und gut, wenn auch ein bisschen geklont, aussehen. Wir erwarten nicht wirklich, dass ihre Karriere lange andauert. Aber sie singen meistens Lieder, die ihrem Alter entsprechend sind. Was mich interessiert und was wir nicht allzu oft sehen, sind Pop Stars, wie du, die älter werden und dabei fabelhaft aussehen, mein Lieber, wenn ich das so sagen darf (Schleim, Schleim!), und über ihr eigenes "hier und jetzt" singen. Worin besteht die Angst, wenn wir unser Alter wohlwollend akzeptieren, über die Sorgen eines Menschen mittleren Alters singen und darüber aufrichtig sind? Kommt es daher, weil es keinen Markt dafür gibt? Hängt es damit zusammen, weil wir in einer Gesellschaft leben, die sich nicht viel aus gesungenen Geschichten, außer denen über die ganz jungen Leute, macht? Ist es eine Frage, wie man im Radio ankommt? Gibt es noch Hoffnung auf neues Material, das gespielt wird, Material, das von den Leuten gehört und gekauft werden könnte, die sich in der gleichen Altersstufe wie der Sänger befinden?

Tolle Frage. Ich denke, es geht letzten Endes um die zentrale Streitfrage "Was ist eine Pop Platte?" Es ist eine dreieinhalb minütige musikalische Reise mit hoffentlich dem bestimmten Etwas, die unter die Haut geht und dich zum Mitsingen bewegt, dir ein Lächeln entlockt, dich zum Tanzen animiert oder dich sogar zum Weinen bringt. Gelegentlich gibt es auch andere Themen. "Neverending Story" richtete sich sehr frei nach dem Buch. Ein Künstler ist einem enormen Druck ausgesetzt, genau das abzuliefern, was von ihm erwartet wird. Hier gibt es zum einen die Marketingabteilung der Plattenfirma und zum anderen die Einschränkungen des Formatradios. Aber man kann zumindest bei den Songs auf den Alben und bei Live-Konzerten ein bisschen mehr experimentieren. Großartige Ausnahmen wie z.B. Queens "Bohemian Rhapsody" können und werden Gott sei Dank den Durchbruch schaffen und ich wünsche ihnen viel Glück. Sogar dann gibt es die Gefahr beim Experimentieren. Wir alle haben Künstler erlebt, die so hoch aufgestiegen sind, dass sie dabei verschwanden ... ich nenne jetzt mal keinen Namen. Ich bin der Meinung, dass es genug Künstler gibt, die über das Älterwerden, über die Liebe oder was auch immer singen. Ob die Sorgen von Leuten mittleren Alters, wie du es so schön ausgedrückt hast, vermarktungsfähig sind, hängt davon ab, wie der Song insgesamt als musikalisches Stück wirkt. Ich denke, dass man über das Älterwerden und das immer noch tolle Aussehen singen sollte ... danke für die Idee und das Kompliment. Wir leben sicherlich in einer überalterten Gesellschaft, aber es sind wahrscheinlich nur die jungen Leute, die sich nicht viel aus gesungenen Geschichten machen, in denen es um jemand anderen außer den ganz Jungen geht. Ich vertrete die Auffassung, dass es ein riesiges Publikum für ein breiteres Spektrum gibt. Daher wird für das Publikum auf BBC Radio 2 jetzt zunehmend Musik von Radio 1 gespielt. Radio 2 ist das neue Radio 1. Aber warten wir es in Ruhe ab. Es herrscht ein heftiger Wettbewerb und sie müssen dafür sorgen, dass die Zahl der Hörer auf einem gesunden Level bleibt. Daher kommt es, dass sie sich ungern zu weit von dem bewährten Programm des Formatradios entfernen.

Ich glaube, worauf ich hinaus will, ist, ob sich die Hoffnungen und Träume von jemandem, der verliebt und in deinem Alter ist, von denen der Kids, die in den Zwanzigern sind, unterscheiden? Schreibt man bei dem Thema "Liebe" über andere Dinge aufgrund der Erfahrungen, die man durch das Älter sein gesammelt hat?

Hmm, ja ich weiß, was du von mir wissen willst. Ich glaube durchaus, dass die Hoffnungen, Träume und Erfahrungen in der Liebe in meinem Alter - wie du es so taktvoll ausgedrückt hast - völlig anders sind, als wenn man mit 20 verliebt ist. Aber wie ich kürzlich in dem immer so bezaubernden Film "Ladies in Lavender" (auf deutsch: Der Duft von Lavendel) gesehen habe, tritt die Liebe unerwartet in Erscheinung von Judi Dench’s älterer Frauenfigur und der fragliche Typ ist gerade mal in den Zwanzigern. Für mich ist das mal wieder ein eindeutiger Beweis dafür, dass Liebe dich auch mit 60 fertig machen und auseinander fallen kann, so als ob du tatsächlich gerade mal 20 wärst. Natürlich hängt es von den Umständen und wie man sich emotional fühlt ab, aber nichtsdestotrotz ist niemand immun dagegen und das ist doch beinahe beruhigend, nicht wahr? Das Szenario des Films, welches ich beschrieben habe, würde zu einem ganz anderen Text und musikalischem Gefühl der Liebe führen, die von jemand älterem mit mehr Erfahrungen erlebt wird. Gerade das finde ich persönlich sehr viel interessanter. Emotionale Themen, die sich eingehend mit der Sache befassen, sprechen mich viel mehr an. Ich denke, dass ich eine frustrierte Kummerkastentante oder ein Psychologe bin ha ha.

Ich möchte den Unterschied zwischen Sänger und Künstler näher untersuchen. Du kannst "Too Shy" und "Neverending Story" bis zum Ende deines Lebens singen oder zumindest bis die Stimme den Geist aufgibt. Es sind Melodien, die im allgemeinen Bewusstsein stehen, Teil der gemeinsamen Erinnerung für diejenigen, die in den 80ern aufgewachsen sind. Aber was möchtest du sagen?

Bis die Stimme den Geist aufgibt? ... was willst du damit andeuten ... ich bin ein ausgebildeter Sänger, ich habe keine Kalkablagerungen an meinen Stimmbändern. Glaub es oder glaub es nicht, ich mag immer noch die Herausforderung, mich hinzusetzen und mir etwas einfallen zu lassen. Ich möchte über alles mögliche singen. Ich schreibe im Moment an neuen Songs, aber es gibt eine "Auflage" und ich muss innerhalb dieser Auflage der Plattenfirma, welches Material sie als vermarktungsfähigen Limahl Song ansieht, arbeiten. Kürzlich saß ich mit einem Typen zusammen, der so etwas wie Jazz spielt, und wir bewegten uns in einem für mich total neuen Bereich, so etwas wie die Musik der 40er, Cole Porter, George Gershwin, diese Art ungefähr. Es war sehr aufregend, einen Song zu schreiben, ohne einen Auftrag zu haben, nur auf sich wirken lassen. Ich kann mir vorstellen, dass in dieser Art und Weise "Sitting On The Dock Of The Bay" geschrieben worden ist. Du stellst dir einen Kerl vor, der auf einem Felsen mit seiner Gitarre sitzt und die Sonne strahlt auf ihn herab. Ich habe immer noch große Sehnsucht nach dem Musical. Ich habe meine Karriere im Musical begonnen und diese Art von Reiz hat mich nie wirklich verlassen. Ich schaue mir alles, was ich kann, auf der Bühne im West End oder im avantgardistisches Theater an, weil mir beides gefällt und ich es von der Steuer absetzen kann ha ha. Natürlich gibt es im Musical weniger Beschränkungen als es sie bei einer einer dreieinhalb minütigen Pop Schallplatte gibt. Wenn ich Robbie Williams, Kylie oder Coldplay wäre ... aber sogar sie werden mehr oder weniger von den radiofreundlichen vier Minuten eingeschränkt.

Sicher gibt es eine Art Selbstgefälligkeit, die sich bei Leuten deiner Position eingeschlichen hat. Es ist angenehm, wegzugehen und die Kasse klingeln zu lassen, indem man die Hits vergangener Jahre singt, wo auch immer du auftrittst. Und wer würde es dir verdenken. Diese drei oder vier Hits aus den frühen 80er Jahren sind so etwas wie deine Visitenkarte. Verzeih mir jetzt, weil ich versuche, eine Reaktion aus dir herauszupressen, und weil ich denke, dass es einen Unterschied zwischen einem Künstler, der etwas erschafft, und einem Sänger, der Songmaterial präsentiert, gibt. Die Resonanz, die du hauptsächlich beim Singen von "Too Shy" und "Neverending Story" erhältst, muss süchtig machend und schmeichelhaft sein. Dies sind zwei wahrlich fabelhafte Pop Perlen, die jetzt Teil einer weit verbreiteten Erinnerung sind. Die Menschen sind erfreut, diese Lieder zu hören und dich persönlich zu sehen, wenn du sie singst. Aber es gibt eine künstlerische und schöpferische Seite in dir und seien wir ehrlich, einige Leute, die in der Vergangenheit Pop Stars waren, sind sehr glücklich darüber, ihre alten Hits zu schmettern. Sie nehmen das Geld an "vielen Dank". Ich vermute analog des alten Schauspielersprichworts "sprich den Text, vermeide die Möbel und geh nach Hause." Du bist nicht nur ein Pop Sänger, du warst auch am Theater und hast Ambitionen in diesem Geschäft, die dir möglicherweise eine andere Langlebigkeit deiner Karriere garantieren. Aber wenn du eine Aufeinanderfolge von Gigs erreichst und die Sicherheit des Geldes spürst, was denkt dann die künstlerische Seite, hinter dem ganzen Ruhm, in dir ....Wäre es nicht an der Zeit, dass du dich etwas häufiger in einem freien Zimmer einschließt, um kreativ tätig zu sein und herauszufinden, wo diese Reise hingeht. Ist das etwas, wovor du Angst hast?

Zum Teufel nein, ich habe weder Angst noch bin ich selbstgefällig. Es geht einfach nur um das Finden des richtigen Projekts. Ich verschanze mich in keinem Raum, um ein Album zu schreiben, das keiner veröffentlichen will, insbesondere ohne Plattenvertrag wie im Moment. Also worum geht es? Im Jahre 1988 unterzeichnete ich einen Vertrag bei Arista Records in New York beim legendären Mogul Clive Davis. Er investierte zweihundertfünfzigtausend Dollar (damals eine Menge Geld), um sechs Songs aufzunehmen, danach schmissen sie mich raus. Ab 1992 verbrachte ich sieben Jahre damit, Songs für andere Künstler zu schreiben und zu produzieren. Ich stieß auf so viel politischen Scheißdreck und Mist, das ich fast dem Burn out-Syndrom erlegen wäre. ... Ich könnte jetzt endlos damit weitermachen, vielleicht werde ich das alles eines Tages in einem Buch veröffentlichen. Eines der Haupthindernisse war Simon Cowell (Anmerkung: Plattenproduzent und Juror bei Casting Shows), aber das ist eine andere Geschichte! Es geht einzig und allein darum, wer wen managt, wer wem die Hände schüttelt und wer mit wem Drogen nimmt. In gewisser Art und Weise habe ich das getan und dafür den Denkzettel bekommen. Wenn ich wirklich unglaublich reich wäre, dann würde ich meine eigene Firma gründen und meine eigenen Ideen unterstützen. Ich müsste nicht mehr an die Türen von 22-jährigen A&R Managern klopfen. Wie auch immer, ich haben kein freies Zimmer, um mich darin einzuschließen ha ha, ich habe ganz bewusst alle Räume gefüllt.

Als Resümee könnte man deine Worte wie folgt zusammenfassen: du arbeitest innerhalb des Showgeschäftes, wo die Möglichkeiten, sich wieder neu zu definieren, ziemlich begrenzt sind, hart. Aber bist du immer noch so begeistert und willst du unendlich weiter machen?

Ich arbeite in der Tat hart und bin nach wie vor begeistert. Viele Leute empfinden noch immer eine große Leidenschaft für mich, eine Menge neuer Dinge passieren und wer weiß was passiert … das ist doch gerade der Teil, der Spaß macht in meinem Job. Ich weiß nie ganz genau was ich von Jahr zu Jahr machen werde und ich muss eingestehen, dass ich das mag. Was ich damit meine, im Sommer war ich in Paris, um mit einem bekannten französischen DJ etwas aufzunehmen. Das stand im Januar noch nicht auf meiner Tagesordnung. Auch nicht die Plattenaufnahme, mit der ich momentan in Deutschland beschäftigt bin, oder die "Here And Now"-Tour im letzten Dezember mit den anderen Stars der 80er, die mir viel Spaß bereitet hat. Manchmal beunruhigt es mich ein bisschen, dass ich ein Künstler bin, der seine zwei größten Hits vor 22 Jahren hatte. Aber ich bekomme noch genug Angebote und - offen gesagt - ich bin dankbar darüber ... ich schätze, dass ich etwas richtig mache. Ich bin nicht der Auffassung, dass du einzig und allein durch das Singen deiner zwei größten Hits überleben kannst. All die neuen Buchungen, die ich bekomme, um aufzutreten und - seien wir ehrlich - mein Terminkalender ist so voll wie er im Jahre 1984 war. Ich denke, dies sagt etwas darüber, wie ich mich selbst präsentiere und auftrete, und vielleicht etwas über meine Professionalität.

Ja und ich denke mit dem zeitlichen Abstand, den wir heute zu den 80ern haben, erinnern sich die Leute vielleicht nicht daran, wie viele oder wie wenige Hits diese Gesichter der 80er hatten. Ich vermute, dass auch viele sich nur an das visuelle erinnern. Ich meine, als ein Gesicht der 80er bist du gleichauf mit "Boy George" und "Phil Oakey", selbst wenn du nicht gerade eine "Margaret Thatcher" bist!! Sehr unvergessliche Haarschnitte, Mode, Farben und Posen, über die sich die Leute nach so langer Zeit lustig machen, weil fast alles aus diesen Jahren sehr auffallend war. Man erinnert sich noch immer an dich, obwohl "Culture Club" und "Human League" mehr Hits hatten. Das liegt wohl daran, weil deine zweifarbige, stachelige Vokuhila, die schrillen schrägen Klamotten, dein Look, dein Schmollmund etc. so auffallend waren.

Tja, es ist komisch, weil ich mit Freunden darüber lache und sage, dass ich jetzt antik bin! Wie andere Stars aus diesen Jahren, da die Zeit nun mal nicht stehen bleibt, haben wir alle im Nachhinein einen Wert erlangt. Es ist ein anderer Teil der Karriere, aber er ist ebenso begründet. Meine Wahrnehmung, von dem was ich jetzt mache, ist offensichtlich komplett anders als es zu der Zeit war als ich 23 war. Aber ich denke, es wäre ungehörig, diese Beständigkeit nicht anzuerkennen.

Wenn du zurückdenkst, wie du als 23 Jähriger gewesen bist und wie besonnen du warst, die Band zu formen, ihnen eine neue Identität zu geben, die Synthesizer einzuführen - obwohl du selbst zugegeben hast, dass du auf den fahrenden Zug aufgesprungen bist. Du hast der Band ihren Stil und die Chance gegeben, die sie brauchten. Wie denkst du über diesen 23 Jährigen heute?

Oh Gott, als ich neulich beim Aufbau meiner Website mithalf und mich mit meiner Vergangenheit, über die ich eher weniger nachgedacht hatte, auseinandersetzen musste, kramte ich altes Videomaterial und alte Fotos raus. Ich blies von ihnen den ganzen Staub herunter und habe sie überfolgen. Als ich so zurückblickte, war ich beeindruckt und gerührt, von dem was ich erreicht hatte. So viel harte Arbeit, ich erkannte den ehrgeizigen jungen Kerl wieder und zog in gewisser Weise den Hut vor mir selbst. Ich lachte auch, als ich mir all die alten Bilder ansah. Ich wollte andere daran teilhaben lassen, denn in meinem Leben hatte ich schon immer den Drang zur Ästhetik. Ich mochte und ich mag noch immer schöne Bauwerke, Kleidung, Musik, Essen, Körper usw. und das ist es, was ich versucht habe, zu kreieren. Ich arbeitete hart am Image und tue es immer noch. Wenn du optisch interessant wirkst, dann verfolgen die Leute deine Auftritte mit viel mehr Aufmerksamkeit. Und als ich mich selbst mit 23 Jahren betrachtete, sagte ich nur "Wow!", wie zum Teufel habe ich es geschafft, mit so einem Outfit am helllichten Tag im Jahre 1981 in den Zug zu steigen. Und das Schöne daran ist, dass du im Alter von 23 Jahren noch nicht diese Art von seelischem Ballast hast, du machst einfach weiter und tust es! Zusammenfassend würde ich sagen, dass es mir ein ironisches Lächeln entlockt, wenn ich auf den 23 Jahre alten Limahl zurückblicke.

Eine letzte und möglicherweise, oder sogar unverschämt klingend, äußerst interessante Frage meiner verkommenen Meinung nach – und es ist eine Vermutung, die ich hier formuliere: "Kein Kajagoogoo, kein Limahl!"? Schauen wir mal auf den Verlauf deiner Karriere am Theater zurück und wo es dich hingeführt hat, als du damals nach Leighton Buzzard umgezogen bist, um all deine Kraft auf "Kajagoogoo" zu konzentrieren. Wenn ihr euch nie begegnet wärt, wäre es gut möglich gewesen, dass du an deiner Theaterkarriere weitergebastelt hättest? Du hast bei vier Theatershows mitgemacht und bist im Grunde einer regelmäßigen Arbeit nachgegangen. War das eine verpasste Karriere, die du jetzt wieder aufgreifen kannst?

Das stimmt, ich begann am Theater und so eine Liebe verlässt einen nie. Wenn man einmal damit angefangen hat, kann man nicht wieder damit aufhören!! Teufel, ich bezahle meinen Beitrag an die Gewerkschaft der Schauspieler ("Equity") schon seit zwanzig Jahren, Schätzchen, daher würde das Weiterarbeiten am Theater lediglich bedeuten, dass ich mich auf etwas zu bewege, das bereits in meinem Blut ist, aber warten wir mal ab, was passiert. Es kann gut sein, dass weitere Theaterrollen unmittelbar bevorstehen, aber ich möchte mich jetzt nicht zu weit hinauslehnen und bereits schon zu viel verraten. Ich sag einfach, bleibt dran......

Aber bestand nicht die klar erkennbare Möglichkeit, dass du trotzdem eine Karriere auf der Musicalbühne gemacht hättest?

Ja, ich vermute mal. Es war der Anfang einer Karriere, aber ich schätze, du könntest ebenso sagen, dass die Chancen damals, es in der Pop Welt zu etwas zu bringen, genauso gering waren; zum Glück hatte ich es versucht und es hat geklappt. Ich weiß nicht, wohin mich die Theaterkarriere gebracht hätte. Das ist wohl eine weitere interessante "was wäre wenn" Frage!!

Wie würdest du deine Stimme beschreiben...... hat sie ein bisschen Vibrato in sich, ein bisschen Wärme?

Weich und sicherlich warm, ähnlich wie die von George Michael vermutlich und ich weiß ganz genau, wie ich sie für die richtigen Zwecke einzusetzen habe und das ist von großer Bedeutung. Man muss sein Instrument gut beherrschen können und das Beste daraus holen. Sänger zeigen schlechte Angewohnheiten und eine davon ist es, zu viel Vibrato zu benutzen, deshalb passe ich darauf auf.

Na, dann lass uns hoffen, dass du diese weiche, warme, leichte Vibrato Stimme in naher Zukunft gut einsetzt, Limahl. Viel Glück bei allen deinen Projekten.

Heißt das, wir sind jetzt am Ende? Gott sei dank, ich dachte, dieses Interview wäre "never ending" - Entschuldigung, ich konnte jetzt nicht widerstehen. - Ich habe mich durch vier Tassen Tee getrunken und muss einem bestimmten Örtchen jetzt mal einen Besuch abstatten!!

Limahl ist ein leidenschaftlicher Radfahrer, strenger Vegetarier, lebt in Primrose Hill (Nord London) und ist seit 13 Jahren in einer glücklichen Beziehung.

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